PostHeaderIcon Als die Nazis Niederzissens Synagoge stürmten

Geschichte Reichspogromnacht 1938 hinterließ auch im Ahrkreis Spuren – Gebäude wird zur Gedächtnisstätte umgebaut – Bei Schulklassen beliebt

Hans-Willi Kempenich
Niederzissen. Der neue Tag ist schon einige Stunden alt, als die Nazi-Schergen am Morgen des 10. November 1938 an der Synagoge in Niederzissen auftauchen. Von der Reichspogromnacht des Hitler-Regimes bleibt auch der Ahrkreis nicht verschont. Mit Äxten schlagen die Nazis die Tür des 1844 erbauten Gotteshauses ein, zertrümmern das Inventar und zerschießen die Lampen. Feuer legen sie nicht – vermutlich wegen der dichten Bebauung im Niederzissener Ortskern. Erst bei Tageslicht erkennen Anwohner das Ausmaß der Verwüstung: Auf der Straße liegen zerfetzte Thorarollen, zerrissene Gebetsbücher und Teile der Inneneinrichtung. Fünf oder sechs Personen seien es gewesen, berichten Augenzeugen. Es waren Einheimische, sagen die einen, sie kamen von auswärts, behaupten andere.


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Im November 1938 wüteten die Nazis in der Niederzissener Synagoge. Derzeit wird sie zu einer Gedächtnisstätte umgestaltet. Daran sind (von links) Beppo Fiorelli, Albert Schäfer, Brunhilde Stürmer und Ortsbürgermeister Richard Keuler maßgeblich beteiligt. Foto: Hans-Willi Kempenich
Doch es kam noch schlimmer für die jüdischen Mitbürger und ihr Gotteshaus:
Ältere Schüler der nahe gelegenen Volksschule wurden von ihrem Lehrer in die Synagoge geschickt, wo sie sich austoben durften. Was das Rollkommando nicht zerstört hatte, ging jetzt zu Bruch, heißt es dazu in der Niederzissener Chronik. Später wurde die Synagoge verkauft und nach dem Krieg zu einer Schmiede umfunktioniert.
Dabei war Niederzissen einmal eine große und bedeutende jüdische Gemeinde gewesen. Doch schon vor den Ereignissen im November 1938 hatten auch hier die Schikanen gegen die Juden begonnen. Im Juli 1942 waren die letzten elf älteren jüdischen Mitbürger zusammen mit 21 Leidensgenossen aus Bad Neuenahr, Bad Bodendorf, Sinzig und Heimersheim über Köln ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden. Die Jüngeren waren schon im April ins KZ Belzec verschleppt worden. Das besagen die Recherchen von Brunhilde Stürmer, die sich seit Jahrzehnten sehr intensiv mit der Geschichte ihrer Heimatgemeinde befasst.
Exakt 71 Jahre nach der Pogromnacht, am 9. November 2009, beschloss der Niederzissener Gemeinderat den Kauf der Synagoge sowie ihren Um- und Ausbau. Sehr kontroverse und emotionale Diskussionen zur Nutzung des Gebäudes waren aufgekommen, nachdem die Schmiede aufgegeben worden war. Es war in erster Linie der Kultur- und Heimatverein (KHV) mit seinem Vorsitzenden, Ortsbürgermeister Richard Keuler, der sich für den Kauf der Immobilie stark machte. Ein vom Verein erstelltes Renovierungskonzept wurde aufgegriffen und mit der Landesdenkmalpflege, der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Verbandsgemeindeverwaltung und dem in der Denkmalpflege erfahrenen Architekten Karl-Heinz Möseler aus Wehr überarbeitet. So wird die Synagoge in Niederzissen zu einer Gedächtnis- und Begegnungsstätte umgestaltet. Außen erstrahlt die Synagoge bereits in neuem Glanz, und auch der Innenausbau ist schon weit vorangeschritten. Der Restaurator wird demnächst mit der Ausmalung beginnen. So wird schon bald ein bedeutender Teil der Ortsgeschichte mit ihrer einst großen jüdischen Gemeinde wieder sichtbar. Schon in diesem Jahr haben einige Schulklassen Niederzissen unter dem Aspekt der jüdischen Geschichte besucht. Dabei standen der jüdische Friedhof, die Synagoge und die auf dem Dachboden gefundenen Papiere, Bücher, Verträge, Thorarollen und Textilien im Mittelpunkt. An deren Bergung haben sich zahlreiche Bürger beteiligt und vor Beginn der Baumaßnahmen ungezählte Stunden mit dem Sichten und Sichern der Fundstücke verbracht.

Rhein-Zeitung Bad Neuenahr-Ahrweiler vom Mittwoch, 9. November 2011, Seite 15

Aktualisiert (Donnerstag, den 08. Dezember 2011 um 07:51 Uhr)