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15 April

Die Trasswände in Niederzissen

Das bedeutendste vulkanische Erbe von Niederzissen ist zweifellos der Bausenberg, der sich am nördlichen Ortsrand über der Gemeinde erhebt und als besterhaltener Hufeisenkrater Deutschlands gilt. Von der Freifläche auf der Spitze des 340 Meter hohen Vulkans ist eine fantastische Aussicht über den Ort und bis ins untere und obere Brohltal möglich.

Die besonderen klimatischen Bedingungen auf dem Vulkangestein bieten Tier- und Pflanzenarten eine Heimat, die ansonsten in den hiesigen Regionen nicht oder nur selten anzutreffen sind. Aber auch an anderen Stellen hat der Vulkanismus in Niederzissen Spuren hinterlassen, die den Menschen schon Fluch und Segen brachten.

Denn im Ort ragen an mehreren Stellen mächtige Trasswände in die Höhe, die vor rund 200 000 Jahren entstanden sind. Während des Zweiten Weltkrieges grub die Niederzissener Bevölkerung Stollen in das Gestein, in denen Familien aus den umliegenden Straßen bei Fliegerangriffen Schutz fanden. Der bekannteste davon liegt in der Klosterstraße. Doch die teilweise bis zu acht Meter hohen, steilen Wände müssen ständig überwacht werden, weil immer mal wieder Gestein abbricht und auf die darunter liegenden Straßen stürzt.

Dies war erst vor wenigen Wochen wieder in der Gemeindestraße „Am Treppchen“ der Fall. Es war diesmal nicht viel Material, das sich gelöst hatte und auf der Fahrbahn landete. Niemand ist zu Schaden gekommen, und die Gemeindearbeiter hatten das Geröll schnell beseitigt. Ortsbürgermeister Rolf Hans wurde dennoch sofort tätig und setzte sich mit dem Landesamt für Geologie und Bergbau in Verbindung. Ständiger Ansprechpartner bei der Behörde ist Dr. Michael Rogall, der in regelmäßigen Abständen nach Niederzissen kommt, um die Trasswände zu inspizieren. „Diese Kontrolle lassen wir etwa alle zwei Jahre durchführen“, erzählt der Ortsbürgermeister. „Dr. Rogall ist uns dabei ein verlässlicher Partner, der unsere Gesteinswände schon sehr gut kennt und immer weiß, was zu tun ist.“

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Und so machte sich der Experte aus Mainz in Begleitung von Ortsbürgermeister Hans und Sebastian Breitbach vom Bauamt der Verbandsgemeinde Brohltal jetzt wieder auf den Weg zu den neuralgischen Stellen im Gemeindegebiet. Startpunkt war die Klosterstraße und deren Verlängerung, die im Volksmund „Trasskaul“ genannt wird. Hier sind die höchsten Wände zu finden, und hier gab´s am 13. Januar 1977 auch den bisher folgenschwersten Abbruch, als sich rund 1000 Kubikmeter Gestein von der Wand lösten und auf die Klosterstraße stürzten. Dabei wurden das Wohnhaus der Familie Michels und ein davor parkender VW Käfer der Deutschen Bundespost schwer beschädigt. Fußgänger waren dort glücklicherweise gerade nicht unterwegs. Als Konsequenz aus dem Ereignis wurde die Wand in diesem Bereich erheblich abgeböscht.

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Diesmal entdeckte der Geologe aus der Landeshauptstadt hier kein größeres Gefahrenpotenzial. Er riet jedoch dazu, mithilfe eines Steigers einige abgestorbene Bäume und Büsche zu entfernen. Ähnlich sieht´s „Am Treppchen“ aus, wo vor wenigen Wochen Gestein abgestürzt war und damit die jetzigen Aktivitäten auslöste. Der dortige Hohlweg wird von den Niederzissenern als „Köholl“ bezeichnet. Hier müssen am und über dem Hang einige kleinere Bäume gefällt werden.

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Eine völlig andere Gefahrenlage gibt´s in der Kapellenstraße. Dort befindet sich ein ehemaliger Bunker, dessen Eingang teilweise zugemauert wurde. Direkt dahinter fällt der Stollen aber steil ab und könnte für spielende Kinder zu einer gefährlichen Falle werden. Jetzt wird der Hohlraum mit Quellbeton verfüllt. Wie hoch der Materialaufwand ist, soll die Verwaltung ermitteln.


Wie sind die Trasswände in Niederzissen und im Brohltal eigentlich entstanden?

Vor etwa 200 000 Jahren öffnete sich nördlich von Wehr am Hüttenberg ein Vulkanschlot. Er warf vulkanisches Lockermaterial aus. Während und nach der Eruption gab es Unwetter, die durch das Zusammenstoßen der heißen Gassäule mit der kalten Atmosphäre ausgelöst wurden. Das Wasser verband die vulkanischen Aschen und den Verwitterungslehm der devonischen Gesteine mit zertrümmertem Material und schwemmte die Masse als breiten Schlammstrom durch das Tal des Wirrbachs in Richtung Brohltal. Die Gesteinsmasse schwappte am Bausenberghang (den Vulkanberg gab es damals noch nicht) hoch und floss weiter in Richtung Burgbrohl. Ereignisse dieser Art sind in den niederschlagsreichen Vulkangebieten in Äquatornähe besonders häufig. Die Bezeichnung dafür kommt aus dem Indonesischen: Lahar. Das Gesteinsmaterial ist auf der einen Seite sehr standfest, andererseits aber auch weich genug, um es mit der Kreuzhacke abbauen und als Baumaterial nutzen zu können. Das geschah vermutlich schon in der Römerzeit. Eine ehemalige Abbaustelle ist das „Sandstüffje“ in der „Trasskaul“. Hier wurde ein mehrere Meter breiter, nach vorne offener Hohlraum in die Trasswand geschlagen. Der Dorfjugend diente das „Sandstüffje“ viele Generationen lang als Abenteuerspielplatz. Heute ist der Zugang abgesperrt.

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Der Bunker in der Klosterstraße
Im Jahre 1943 begannen Niederzissener Bürger in der Klosterstraße mit dem Bau eines Bunkers, der ihnen bei Fliegerangriffen Schutz geben sollte. Der Hauptgang ist 53 Meter lang, die mittlere Stollenhöhe beträgt 1,80 Meter, die Gesamtfläche etwa 160 Quadratmeter. Geschätzte 3500 Schubkarrenladungen Gesteinsmaterial mussten sie abtransportieren. In die Stollenwände wurden 26 Nischen geschlagen, in denen sich die einzelnen Familien im Ernstfall aufhielten. Es müssen wohl mehrere Hundert Menschen aus den umliegenden Straßen gewesen sein, die hier regelmäßig Schutz suchten. Während ihres Aufenthaltes im Bunker wurde dessen Eingang mit schräg davor gestellten Baumstämmen gesichert. Damit sollte verhindert werden, dass der Ausgang verschüttet wurde, falls in der Nähe eine Bombe niederging. Auf behördliche Anordnung hin musste zwischenzeitlich aber auch ein zweiter Zugang in den Bunker gegraben werden. Im Zuge der Entstehung des Vulkanparks Brohltal/Laacher See wurden die Voraussetzungen geschaffen, um den Stollen gefahrlos begehen zu können. Er wurde mit einer elektrischen Beleuchtung versehen und kann seitdem besichtigt werden. Im Jahre 2018 wurde die Anlage überregional bekannt, als die Medien darüber berichteten, dass zwei Studenten aus Krefeld sich eine Woche lang ohne jede Unterbrechung darin aufhielten, um mit wissenschaftlichen Experimenten Erkenntnisse über das Leben auf dem Mars zu gewinnen..

 

Bild 1: Ortsbürgermeister Rolf Hans (von links), Geologe Michael Rogall und Sebastian Breitbach vom VG-Bauamt inspizierten die Trasswände, um möglich Gefahrenstellen zu entdecken.
Bild 2: Das „Sandstüffje“ in der „Trasskaul“: Hier wurde vor langer Zeit Material abgebaut.
Bild 3: Der Eingang zum Bunker, in dem bei Fliegerangriffen während des Zweiten Weltkrieges die Bewohner der umliegenden Straßen Schutz suchten.
Fotos:   ©Hans-Willi Kempenich
Text:     ©Hans-Willi Kempenich

Bild 4: Der bisher folgenschwerste Abbruch von den Trasswänden in Niederzissen: Am 13. Januar 1977 stürzten rund 1000 Kubikmeter Gestein auf die Klosterstraße.
Foto:   ©Niederzissen Gemeinde-Chronik_bk_01Teil17_bild
Text:   ©Hans-Willi Kempenich

Zuletzt aktualisiert: Donnerstag, 15. April 2021 18:40